Teil 2: Strategisches Denken in einer nicht vorhersehbaren Zukunft

Gesundheit ist unser wichtigstes Gut. Wie wichtig Gesundheit ist, merkt man allerdings erst, wenn sie plötzlich und meist unerwartet nicht mehr da ist. Wir betrachten es als Pech, wenn wir uns beim Skilaufen ein Bein brechen. Wie in Teil 1 ausgeführt, ist Pech das Eintreten eines seltenen und unerwünschten Ereignisses. Aber ein Beinbruch bringt uns selten um, ein Herzinfarkt oder Lungenkrebs schon eher. Die Wahrscheinlichkeit, an Krebs der Atemwege oder an Herzkreislaufversagen zu sterben, liegt bei etwa 70 Prozent. So gesehen kann man das Eintreten eines solch fatalen Ereignisses nicht mehr als Pech bezeichnen – es ist traurige Normalität. Wäre die Wahrscheinlichkeit, beim Skiverfahren einen letalen Unfall zu erleiden ebenso hoch, wären die Pisten leer.

Wenn man die 70 Prozent überlebt, dann steigt die Chance, von der Alzheimer-Krankheit heimgesucht zu werden, auf 50 Prozent an. Damit sind diese Leiden so häufig, dass man fatalerweise dazu neigt, sie als unabwendbare Normalität einzustufen. Ist unsere Zukunft also bestimmt, hält sie Übel nur in verschiedener Variation für uns bereit? Wir nennen diese Art der Leiden Zivilisationskrankheiten, als wären sie Errungenschaften, auf die wir aufgrund unserer zivilisatorischen Entwicklung ein wenig stolz sein könnten, so wie auf das Handy und das bequeme Fast-Food gleich um die Ecke. Wir haben das, aber die anderen nicht – die sterben an Mangelernährung, an HIV oder Malaria. Die sind noch nicht so weit in ihrer Entwicklung, könnte man anmaßend die Situation beurteilen!

Zukunft ist die Änderung von einem Zustand in einen anderen. Das klingt trivial. Die Frage ist nur, ist diese Veränderung determiniert? Die Quantenphysik beschreibt in sehr exakten, mathematischen Formeln, dass sich das Verhalten der kleinsten Energiepakete beziehungsweise der subatomaren Teilchen (aus denen auch wir zusammengesetzt sind) nur statistisch vorhersagen lässt. Alles ist möglich, nur das Eintreten jeder Möglichkeit ist unterschiedlich wahrscheinlich. Folglich gibt es keine Vorbestimmung und kein Schicksal. Es gibt nur Wahrscheinlichkeiten, wie die Zukunft aussehen könnte. Mit Statistik arbeiten auch die Mediziner, wenn es sich um Prognosen von Krankheiten handelt, und die Pharmaforscher, wenn es um die Wirkung von Therapien geht, aber auch die Besitzer von Spielkasinos.

Kürzlich sagte mir ein Bekannter, als er sich eine zweite und nicht sonderlich gesundheitsförderliche Portion fettiger, triefender Würste auf den Teller lud, er wolle sicher nicht wie der Heesters mit 108 Jahren im Rollstuhl herumgefahren werden. Dabei erhöhte er (unwissend?) die Wahrscheinlichkeit, dass es ihm dies schon mit 65 Jahren „gelingt“ – die Sorge vor Krankheit im Alter (man muss das leben „genießen“, solange es geht) wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Aber da es keine Sicherheit gibt, dass dies tatsächlich passieren wird (vielleicht wird man ja auch von einem Blitz getroffen), und der Moment, die tolle Stimmung und der anerzogene Geschmackssinn (einem Vegetarier würde sich der Magen umstülpen), lassen solche Überlegungen erst gar nicht ernsthaft entstehen. Wir gehören zur Spezies Homo sapiens, letzteres bedeutet „einsichtsfähig“ oder „weise“. Weder der Bauchumfang, noch hoher Blutzucker oder Blutdruck verursachen Schmerzen. Alle Zivilisationskrankheiten eint eine weitgehende Schmerzfreiheit – bis es zu spät ist.

Dann doch lieber den vermeintlichen Genuss des Moments, weil es uns das Alter, auch das eines Jopi Heesters, nicht wirklich wert zu sein scheint, dafür irgendein „Opfer“ bringen zu müssen. Und man kann es meinem Bekannten nicht verdenken, wenn er Krankheit und Leiden unvermeidlich mit hohem Alter verknüpft sieht. Dann doch lieber noch eine Wurst und ein Bier mehr – Prost!
Aber die hohe Korrelation von Alter mit Krankheit ist nicht genetisch, sondern kulturell bedingt. Es gibt kein Leidensprogramm, das die Evolution für uns entwickelt hat. Für den Genpool einer Sippe von Jägern und Sammlern war es stattdessen ein Überlebensvorteil, wenn die Alten wenigstens zwei oder drei Generationen durchhielten. Ewiges Leben war sicher nicht vorgesehen, dafür gab es keine Notwendigkeit. Dennoch war älter zu werden Teil des genetischen Programms. Auch heute noch. Nur wie viel älter ist möglich?

Statistisch gesehen verlieren wir etwa 10 Prozent an Leistungsfähigkeit in jedem Jahrzehnt ab dem 25. Lebensjahr, dem vermeintlichen Leistungszenit unseres Lebens. Statistisch. Betrachtet man aber Menschen, die durch ihr Verhalten dafür Sorge tragen, dass sie leistungsfähig bleiben, verlieren diese nur etwa zwei Prozent pro Dekade! Hochgerechnet bedeutet dies, dass sie körperlich selbst mit 100 Jahren noch so fit sein sollten, wie heute ein „normaler“ 60-Jähriger. Und ich nehme es an dieser Stelle schon vorweg, dies gilt nicht nur für körperliche Fitness.„Die Methusalem-Strategie“ empfiehlt, weder die Mehrheit, noch deren glückliche Ausnahmen zum Maßstab des eigenen Handelns zu machen. Dass das Verhalten der Mehrheit nicht dazu dienen kann, sollte aus dem Bisherigen weitgehend klar geworden sein, denn es begründet schließlich die fehlgesteuerte Normalität. Aber warum nicht der „erfolgreiche“ Einzelne? Schließlich ist er es, zu dem wir bewundernd aufblicken?

Jopi Heesters blies an seinem 108. Geburtstag genüsslich Rauch aus den Nasenlöchern, und selbst die älteste Frau der Welt war Raucherin. Wir wissen nicht, wie lange die beiden gelebt und welche Krankheiten sie nicht hätten erleiden müssen (Jopi war am Ende blind), hätten sie nicht geraucht. Ob Rauchen Einfluss auf meine Lebensaussichten hat, lässt sich aus diesen Einzelfällen nicht ableiten, auch wenn sie die Gefahr zu verharmlosen scheinen und die Tabakindustrie die suggestiven Bilder gerne zeigt. Es geht aber um die Zukunftsprognosen, nicht um historische Gewissheiten statistischer Zufälle – die finden sich im Einzelfall immer nur rückwirkend und prägen dann das lustige Motto: Wer lange geraucht hat, hat auch lange gelebt. Für die ungewisse Zukunft werden die Prognosen nur verlässlicher, wenn die Zahl der untersuchten Raucher groß ist und wir uns nicht an den zufälligen Ausreißern orientieren. Und hier kann man tatsächlich von der Masse lernen: Jede Zigarette kostet 30 Minuten an verbleibender Lebenszeit.

Ebenso kann ich nicht von einem glücklichen Lottogewinner lernen, wie man den Jackpot knackt. Über das Risiko kann ich nur von den Millionen Verlierern erfahren, die dessen Gewinn finanzieren. Daher empfiehlt die „Methusalem-Strategie“ recht pragmatisch: Wenn Sie reich werden wollen, dann spielen Sie auf keinen Fall um den Jackpot. Auch wenn es alle Ihre Freunde tun. Und gleiches gilt für Ihre Gesundheit. Wenn Sie sie sich erhalten wollen, um mit 100 Jahren noch mit Ihren Urenkeln spielen zu können, dann gehen Sie Ihren eigenen Weg.

Das heutige Wissen reicht aus, um vorherzusagen, dass die Entwicklung nebenwirkungsfreier Medikamente nicht gelingen kann. Das liegt in der Natur unseres genetischen Programms, wie ich in der „Methusalem-Strategie“ ausführlich darlege. Es reicht aber aus, um mit hoher Wahrscheinlichkeit einige Jahrzehnte gesund älter werden zu können, als es uns derzeit prognostiziert wird. Anstatt mit jedem Jahr an steigender Lebenserwartung nur weitere Jahre an chronischer Therapie zu gewinnen, gilt es dieses Wissen zu nutzen. Wir können vermeiden, was die Mehrheit in unserem Kulturkreis erkranken lässt. Es sind nur einige wenige Stellschrauben, an denen wir drehen müssten, um unser höchstes Gut, die Gesundheit, langfristig zu erhalten und unser Leben zu genießen. Dazu sollte man wissen, was unsere natürlichen Bedürfnisse sind.

Um diese herauszufinden, habe ich mich bei der Entwicklung der „Methusalem-Strategie“ neben der molekulargenetischen Forschung auf die Ergebnisse der Paläomedizin und auf die internationale Okinawa-Studie fokussiert. So zeigen uns die fitten 100-Jährigen Okinawas, dass wir unsere produktive Lebensspanne verdoppeln könnten, wenn wir unsere natürlichen Grundbedürfnisse respektierten. Diese haben sich bis vor nicht allzu langer Zeit (bis vor etwa 500 Generationen) entwickelt, als wir uns frühkulturell im Einklang mit der Natur verhalten mussten. Aus allen diesen Erkenntnissen entwickelte ich die Methusalem-Formel, deren Elemente im Rahmen der „Methusalem-Strategie“ im nächsten Beitrag am 27. April 2012 vorstellen werde. Sie werden überrascht sein, wie offensichtlich das Offensichtliche ist – aber auch, weshalb es uns oft so schwer fällt, dies zu erkennen.

Über den Autor: PD. Dr. Michael Nehls ist Arzt, Molekulargenetiker, Autor und Filmproduzent, Leistungssportler und veröffentlicht in den Gesundheitsnews monatlich seine Kolumnen. Nach seiner wissenschaftlichen Ausbildung an verschiedenen Forschungseinrichtungen in den USA und Deutschland wurde Dr. Nehls leitender Wissenschaftler einer texanischen Biotechnologie-Firma. Von 2000 bis 2007 war er Vorstandsvorsitzender eines Münchner Biopharmazeutischen Unternehmens. Er publizierte zahlreiche Forschungsarbeiten und Patente. 2001 begann er wieder Sport zu treiben und sieben Jahre später meisterte er mit seiner außergewöhnlichen Methusalem-Strategie zum ersten Mal das Race Across America. Dr. Nehls hält Vorträge über Strategie und Gesundheit. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Freiburg im Breisgau.

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